Okay … lass uns darüber reden, ob wir wirklich noch einmal 20 Jahre jünger sein wollen.

Ich mache mit meinen Kundinnen und Kunden nach einer Behandlung oft einen kleinen Spaß. Wenn wir fertig sind, sage ich: „So. Fertig. 20, 25 Jahre jünger.“

Heute hatte ich einen Kunden da, der darauf gelacht und gesagt hat: „Ja, schön wär’s.“ Und ich habe ihn gefragt: „Aber wollen wir das wirklich?“ Seine Antwort kam sofort: „Mit der Erfahrung von heute? Warum nicht?“

Und dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Denn wollen wir das wirklich?

Ich bin jetzt knapp 40. Vor 20 Jahren war ich ungefähr 20. Vor 25 Jahren war ich 15. Und seitdem frage ich mich: Würde ich wirklich meinen Kopf von heute in die 15- oder 20-jährige Joy stecken wollen?

Mit allem, was ich heute weiß? Mit meiner Erfahrung, meiner Vorsicht, meinen Ängsten, meiner Menschenkenntnis und all den Dingen, von denen ich inzwischen weiß, dass sie schiefgehen können?

Hätte ich dann genauso gelebt? Hätte ich genauso gelacht? Genauso hemmungslos? Hätte ich mich verliebt, obwohl es vielleicht keine gute Idee war? Wäre ich hingefallen und wieder aufgestanden? Hätte ich Dinge ausprobiert, ohne vorher zwanzigmal darüber nachzudenken? Hätte ich mit Anfang 20 mein Land verlassen und mich einfach in eine komplett neue Welt gestürzt?

Oder wäre ich mit 20 schon die fast 40-jährige Joy gewesen? Nur eben in einem jungen Körper. Vielleicht sogar ein Teenager mit einem Stock im Arsch, der vor lauter Wissen vergessen hätte, das Leben überhaupt auszuprobieren.

Natürlich gibt es Entscheidungen in meinem Leben, die ich heute anders treffen würde. Es gibt Dinge, die ich nicht gebraucht hätte. Schmerzen, auf die ich gerne verzichtet hätte. Und Erfahrungen, bei denen ich heute denke: Das hätte wirklich nicht sein müssen.

Aber dann frage ich mich: Wenn ich all das vorher gewusst hätte – wäre ich heute überhaupt dieselbe Person?

Ich sehe das manchmal auch bei meinem Sohn. Wie schnell sagt man als Erwachsener: „Wenn du wüsstest …“ Aber er weiß es nicht. Und vielleicht soll er manches auch noch gar nicht wissen. Kinder müssen entdecken, ausprobieren, Fehler machen, manchmal hinfallen. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, weil unser Wissen nicht automatisch ihres werden kann. Und vielleicht war es bei uns genauso.

Mein Kunde hat heute noch etwas gesagt: „Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich vielleicht auch keine Kinder.“

Und da musste ich wieder nachdenken. Denn was wäre bei mir? Wenn ich damals schon gewusst hätte, wie schwer Mama-Sein manchmal ist? Wie es ist, Verantwortung für zwei Menschen zu tragen. Wie viel Angst und Sorgen dazugehören. Wie anstrengend es sein kann. Und wie es ist, manches alleine tragen zu müssen.

Hätte ich mich vielleicht gegen Kinder entschieden? Vielleicht.

Aber heute habe ich meine Kinder. Und möchte ich ein Leben ohne sie? Niemals. Niemals.

Und genau da liegt für mich das Problem mit diesem Gedanken: „Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß …“ Denn heute kenne ich die Schwierigkeiten. Aber ich kenne eben auch alles andere.

Ich kenne ihre Umarmungen. Ihr Lachen. Ihre kleinen Hände. Ihre Persönlichkeiten. Ich kenne dieses Gefühl, ihre Mama zu sein. Ich kenne eine Liebe, die ich vorher überhaupt nicht kennen konnte.

Vielleicht hätte mein jüngeres Ich nur gehört: Es wird verdammt schwer. Und hätte aus Angst vor all den Schwierigkeiten eine Entscheidung getroffen, ohne überhaupt wissen zu können, wie wunderschön die andere Seite davon sein wird.

Man sagt doch: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Vielleicht ist es manchmal genau so. Wenn wir vorher jeden einzelnen Baum sehen könnten – jede Schwierigkeit, jede schlaflose Nacht, jede Träne, jeden Fehler, jede Trennung, jede Sorge – würden wir uns vielleicht gar nicht mehr in diesen Wald hineinwagen. Und würden dabei all das verpassen, was darin auch auf uns wartet.

Das merke ich sogar bei ganz kleinen Dingen. Du kannst zehn Komplimente bekommen und dieses eine schlechte Wort bleibt dir im Kopf. Du kannst als Selbstständige unglaublich viele zufriedene Kundinnen haben und trotzdem beschäftigt dich diese eine schlechte Bewertung. Das Negative kann unglaublich laut sein.

Und vielleicht würden wir deshalb manche der wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens gar nicht treffen, wenn wir vorher schon alles wüssten. Nicht weil die schwierigen Dinge nicht real sind, sondern weil wir das Schöne noch gar nicht kennen würden.

„Ah Joy, das kannst du leicht sagen. Vielleicht hast du einfach keine wirklich schlimmen Erfahrungen gemacht.“

Stimmt. Es gibt Erfahrungen und Schicksale, über die ich hier nicht urteilen möchte. Und ich würde niemals jemandem sagen, er müsse für etwas Schreckliches dankbar sein, weil es ihn „zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist“. Das meine ich nicht.

Aber auch in meinem Leben gibt es Dinge, die ich mir als Kind nicht ausgesucht hätte. Meine Eltern waren viel außer Haus und ich musste auf meine beiden kleinen Brüder aufpassen. Während andere Kinder draußen gespielt haben, hatte ich Verantwortung. Ich habe gekocht, geputzt, bin zur Schule gegangen und habe mich um zwei kleine Kinder gekümmert.

Das waren keine Erfahrungen, die ich mir für meine Kindheit ausgesucht hätte. Und natürlich denke ich manchmal: Wie wäre es gewesen, einfach nur Kind sein zu dürfen?

Aber diese Zeit hat mich geprägt. Sogar später in meiner Ausbildung habe ich gemerkt, was sie mit mir gemacht hat. Ich war es gar nicht gewohnt, mich zu Hause hinzusetzen und zu lernen. Also musste ich im Unterricht alles aufsaugen. Aufpassen. Verstehen. Mitnehmen. Ich habe sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Sind alle Eigenschaften, die daraus entstanden sind, nur gut? Wahrscheinlich nicht. Hätte ich manches lieber anders erlebt? Ja. Bereue ich mein Leben deshalb? Nein.

Denn dann komme ich wieder zu der einen Frage zurück: Wenn ich der 15-jährigen Joy mein heutiges Wissen gegeben hätte, wenn ich sie vor jedem Fehler gewarnt hätte, vor jeder falschen Entscheidung, vor jedem Menschen, der ihr wehtun würde, vor jedem Risiko – und wenn sie auf mich gehört hätte: Wäre sie dann irgendwann zu mir geworden?

Vielleicht besteht das Leben gar nicht darin, möglichst früh alles zu wissen. Vielleicht müssen wir manche Dinge erst erleben, bevor aus Wissen wirklich Erfahrung wird.

Deshalb weiß ich inzwischen gar nicht mehr, ob ich 20 Jahre jünger sein möchte. Nicht einmal mit meinem Kopf von heute. Denn ich mag die Frau, die aus diesem Leben entstanden ist. Und vielleicht hätte es sie ohne manche Umwege überhaupt nicht gegeben.

Also frage ich dich: Wenn du deinem jüngeren Ich dein gesamtes Wissen von heute geben könntest – würdest du es wirklich tun? Und wärst du danach überhaupt noch die Person, die du heute bist?

Schön, dass du da bist.
Du bringst den Kaffee. Ich bringe die Kosmetik.
Bis zur nächsten Kaffeepause!

Joy

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